DER Top- To- Bottom- Mix

Der Top-To-Bottom-Mix

 

Unerfahrene Audio Engineer neigen oft dazu, zu viel Zeit damit zu verbringen, sich jeweils um das Klangbild eines einzelnen Instruments zu kümmern. Besonders technikaffine Musiker sind von diesem Phänomen betroffen. Gleichzeitig wird aber das Gesamtklangbild des gesamten Mixes weniger beachtet oder sogar vergessen. Die Tendenz zur Hyperfokussierung ist schnell gegeben – gerade beim Übergang zum Mastering verfällt man schnell in Details. Nichts desto trotz: die „Mix-Entscheidung“ muss getroffen werden, sonst wird man einfach nie fertig.

Ein Standard-Tipp ist immer: „Konzentriere Dich immer auf das Gesamtgefühl der Mischung, anstatt mit kleinen Details zu beginnen.“ Natürlich kann man zuerst das „Haar“ in der Suppe suchen, aber man sollte sich erstmal auf den kaputten Teller konzentrieren. Der Hörer, der den Song das erste Mal wahrnimmt, reagiert erst einmal auf das Gefühl und die Botschaft des Songs – und nicht auf die Snare, die etwas zu wenig Punch hat. So richtig hilft dies aber auch nicht, wenn man in einer Sackgasse sitzt; Geschwindigkeit ist der Schlüssel. Gerade am Anfang sollte man schnell Entscheidungen treffen und den Mix in kurzer Zeit aufbauen. Diese Art der Arbeit basiert auf dem Pareto-Prinzip. Für das Mischen oder Mastern bedeutet es, dass 80% der Ergebnisse in 20% Zeit entstehen. Einen Mix zu optimieren ist aus einer „Ist- Situation“ viel einfacher, als aus einer Situation ohne Kontext. Im normalen Workflow nennt sich das auch „Raff-Mix“.

Leider behebt diese Lösung das Grundproblem der Hyperfokussierung nicht. Daher sollte man den Workflow an sich anpassen. Was ist, wenn wir die Pareto-Regel nicht auf die Zeit, sondern auf die Entscheidungen anwenden? Für das Mischen oder Mastern bedeutet es, dass 80% der Ergebnisse aus 20% unserer Mischbewegungen bzw. -entscheidungen stammen. Durch diese schnellen Entscheidungen wird sichergestellt, dass man zu Beginn das „Grobe“ erledigt. Aber wie bekomme ich die restlichen 80% der Entscheidungen hin; durch Zeit?

Es gibt eine Misch-Strategie, die einen gegensätzlichen Ansatz verfolgt, aber auf der gleichen Prämisse aufgebaut ist. Der Unterschied liegt darin, dass die „komplexen“ 20% des Ergebnisses zuerst beleuchtet werden bzw. unter Umständen 80% der Entscheidungen nicht getroffen werden müssen. Der „Top-To-Bottom“-Mix kann als Arbeiten in Schichten betrachtet werden, bei der jedoch nicht das Innere als erstes Betracht wird, sondern primär der „Zuckerguss“. Für diese Arbeit braucht man etwas Erfahrung, da man den Mix sozusagen Rückwärts aufbaut. Der Vorteil ist, dass das Problem der Hyperfokussierung komplett ignoriert wird.

Der grundlegende Aspekt dieser Mischstrategie besteht darin, mit Master-Bus und Untergruppen-Bus zu arbeiten und sich auf den gesamten Song konzentrieren, anstatt zuerst alle einzelnen Mix-Elemente zu bearbeiten. Natürlich sollten die verwendeten Signalspuren gewisse qualitative Prämissen besitzen. Daher sind schon einige Vorarbeiten notwendig, wie z.B. dass eine „Säuberung“ der Spuren vorgenommen wurde.

Die Basis aller Entscheidungen gehen vom Master-Bus des Mix aus. Manche Audio Engineer gehen sogar noch einen Schritt weiter und arbeiten vom finalen Mastering-Setting aus. Der Vorteil dieser Variante ist, dass spezielle Bearbeitungen nur gemacht werden, wenn sich positive auf das Gesamtklangbild auswirken. Da die Busse, die weiter unten im Signalfluss liegen, bereits durch darüber liegende Busse bzw. deren PlugIns bearbeitet sind. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass die Mehrheit der einzelnen Spuren nur minimale oder gar keine Anpassungen benötigen. Dies bedeutet, dass der Mix bzw. das Master ohne übertriebene PlugIn-Ketten auf einzelnen Spuren erstellt werden – und so primär durch Anpassung der Verhältnisse der Spuren untereinander und der Ausrichtung dieser innerhalb des Panoramas erstellt wird.

Der Basis-Workflow ergibt sich wie folgt: Man beginnt mit der Bearbeitung aller Spuren im Master-Bus (Top). Diese Bearbeitung wirkt sich auf jedes einzelne Element in der Mischung aus. Dann erstellt man eine mittlere Ebene; die unterschiedlichen Untergruppen. Die Routing-Anpassung erfordert ein gutes Verständnis der DAW-Verschaltung, daher sollte man dies sehr gewissenhaft machen. Die Mischentscheidungen wirken sich auf jeden einzelnen Track aus, der in die jeweiligen Untergruppen eingespeist wird. Die unterste Ebene (Bottom) sind die einzelnen Tracks. Hier sollte durch die Pflege der ersten beiden Schichten auf den einzelnen Spuren sehr wenig zu tun sein.

Diese Arbeitsweise ermöglicht es, immer scharf und konzentriert vorzugehen, da die anfänglichen Mischentscheidungen maximale Wirkung auf das Klangbild haben. Das bedeutet auch, dass eine Hyperfokussierung nicht mehr möglich ist. Grundlage dieser Arbeitsweise ist, wie schon erwähnt, ein sehr gutes Recording und gut vorbereitete Spuren. Basisvoraussetzung sollte ausreichend Headroom und Dynamik sein; also immer das Thema Gain-Staging beachten.

In der mittleren Ebene, also in den Untergruppen, sollte man mit den 3 wichtigsten Elementen beim Mischen anfangen. Das sind Rhythmus, Melodie und Inhalte; also Drumset, Leadinstrumente und Gesang.

Ein vorsichtiger Umgang bei der Komprimierung im Master-Bus sollte auch gegeben sein. Die Transienten sollten bei dieser Arbeitsweise erhalten bleiben, auch wenn eine gute Komprimierung im Bus förderlich für den Mix bzw. das Master ist.

Diese Technik kann bei dem einen Genre besser funktionieren, als bei anderen. Bei sehr akustiklastigen Genres, also wo mehr das „Feeling“ eine Rolle spielt (wie z.B. Jazz oder auch Country), wird diese Technik extrem gut funktionieren. Diese Arbeitsweise ist auch nicht für jeden Produzenten praktisch. Man sollte es probieren, ob diese Strategie den Vorteil hat, die Hyperfokussierung zu umgehen.

Probiert es doch einfach mal aus! Euer Christian von Audiocation

1 Kommentar zu „DER Top- To- Bottom- Mix“

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