Interview: Preis der Selbstständigkeit mit Lai Raw

  1. Du bist seit längerer Zeit selbstständiger Music-Producer, wo hat diese Reise begonnen?

Lai Raw: Wo hat meine Reise begonnen? Als gebürtiger Spanier deutscher Eltern, bin ich in Spanien zunächst aufgewachsen und habe dort eine deutsche Schule besucht. In der Familie war die Leidenschaft zu verschiedenen Musik-Instrumenten über die Generationen verteilt und landete dann schließlich bei mir, meiner ersten Gitarre. Ich war ca. 10 Jahre alt, war Teil einer Cover-Band bis ich mich mit 16 Jahren dazu entschloss, für ein Jahr nach England zu ziehen, wo dann ein kleiner Break zu dieser Leidenschaft kam.  In Deutschland nahm ich wieder Fahrt auf, als DJ und den ersten Versuchen beim Producen. Back in the Game ging es direkt weiter mit dem Ausbau meiner Skills und meines Netzwerkes, als Praktikant einer Plattenfirma in Düsseldorf.

Es ging wieder zurück nach England, weil ein Kumpel mir  das SAE Institut (Hochschule) empfohlen hatte. Bachelor  of  Audio-Production  hieß es am Ende und anschließend ein kurzes Praktikum bei einem Label war es  wieder  Zeit  sich  von  London  zu  verabschieden. Berlin,  Berlin  hieß  es  dann,  wo  nun  die Reise der

„Selbstständigkeit“  begonnen hat, denn ich war Praktikant in einem Studio. Zum Ende des Praktikums  durfte  ich  mich  entscheiden,  ob  ich als Freiberufler weiterhin kooperieren möchte. Nach all diesen Erfahrungen und vielen verschiedenen Stationen war mir zu dem Zeitpunkt klar, hier beginnt das Ganze.

 

Das Ganze läuft seit 7 Jahren.

  1. Was bedeutet für dich als Künstler „Selbstständigkeit“? Mehr Freiheiten,  mehr Risiken, mehr Chancen, mehr Unabhängigkeit? Gibt es ein Fokus auf ein bestimmtes Merkmal, was diesen Schritt auch bewegt hat?

Perspektivenabhängig: Für mich existiert bis dato kein Szenario – bei der Entscheidung für die Musik-Branche– in  welcher  ich  nicht  selbstständig  bin.  Die Entscheidung für dieses Business bedeutete für mich auch eine Entscheidung FÜR die Selbstständigkeit. Ich würde zwar ein Angestelltenverhältnis in diesem Sinne positiv stimmen, doch Selbstständigkeit ist für mich eine Zuflucht vom bekannten Bewerbungsprozess, welchen  ich  als  sehr  belastenden  und  stressigen Prozess empfinde. Alles bezogen auf ein Angestelltenverhältnis für ein full-time Job. Die Aufteilung und selbstgewünschte Gewichtung betrachte   ich   viel   mehr   als Freiheit.   In   den vergangenen Jahren hab ich vermehrt „Fließband“ Jobs gemacht, also recorden etc. und anschließend habe darauf Acht gegeben meinem eigenen Stuff nachzugehen.

  1. An  welchem  Punkt  ist  dir  bewusst  geworden,  dass  deine Kreativität dein Lebensunterhalt bezahlen kann/wird/soll?

Es gab keine Do-or-Die Entscheidungen in meiner Laufbahn,  denn  Support  von  meiner  Familie  und Umfeld war immer da. In einem Moment im Gespräch mit meiner Mutter und meinem Vater haben Sie von mir wissen wollen, ob ich den Schritt in diese Richtung fühle. Ich hab relativ gelassen erklärt, dass ich mein Talent in mir spüre und diese Reise weiterhin gehen möchte.  Die  Erwartungen  und  die  Praxis verändern meine Meinung zu dieser Entscheidung nicht, Ups & Downs spielen da immer mit hinein. Dieser Punkt von dem du sprichst ist ein Teil der Selbstständigkeit der andauernd ist.

  1. Bist  du  ein  Nonstop-Künstler  oder  trennst  du  strikt  deine Arbeitszeit?

Ich würde es gerne trennen.. (schmunzel), es ist eine Frage  der  Selbstkontrolle.  Meine  private  Zeit  findet eher morgens statt, wo ich Anlauf finde in den Tag. Es gibt Situationen im Alltag die mir das erschweren z. B. wenn ich mit wem irgendwo sitze, sei es ein Cafe oder eine Bar und während einer Unterhaltung catched mich die  Musik  im  Hintergrund. Obwohl die Konversation dann im dem Moment woanders stattfindet, stelle ich mir innerlich selber Fragen zu der Musik. Das bedeutet trotzdem nicht dass ich überall arbeite, für meine Kunst und um diese zu Schaffen muss ich nach wie vor an einem bestimmten Ort sein, meinem Arbeitsplatz samt meiner Hilfsmittel. Meine Verfügbarkeit bzw. Kommunikation mit mir halte ich vollkommen neutral d.h. ich würde keine Nachrichten oder Anrufe ablehnen/ignorieren, nur weil ich gerade arbeite oder auch  nicht.  Natürlich  muss  das  in einem gesunden Gleichgewicht stattfinden, um sich selbst nicht zu verlieren.

 

  1. Gibt es ein Invest in deine Leidenschaft die du bereust?

Kurz  und  knapp,  es gab nicht wirklich ein „Invest“ welches ich bereue, jedoch gab es Entscheidungen die manchmal  überstürzt  getroffen  worden  sind. Für mein Künstler-Projekt Dope-est-Dope gab es Rückblickend unnötige Ausgaben die nicht hätten sein müssen z. B. Grafik und Markenrechte . und zum anderen habe ich zum Erhalt meines Netzwerkes auf ein Auslandsjahr verzichtet. 

  1. Welche Vibe braucht es um sich um Finanzen, Steuern, Rechnungen zu kümmern? Nutzt du den positiven Mood lieber für deine Kunst?

Definitiv nutze ich meinen positiven Mood für Arbeiten solcher Art, das gehört dazu. Die Vibe für Lebensorganisation    nehme    ich   mir   von   9-to-5 Job-Modus,  wo  andere im Angestelltenverhältnis bei der Arbeit sitzen und diesen Modus dort anwenden. Ich beziehe den Ablauf     meines Tages und der Erledigungsart mehr auf Tageszeit bzw. fängt meine kreative Zeit ab dem Nachmittag an.

  1. Hast du in deinem Umfeld einen „harten Kern“ was deine Musik betrifft?

Ja klar. Dieser harte Kern mutiert ständig, es herrscht also immer wieder ein Zu- und Abfluss, unabhängig von Zeitabständen.Grundsätzlich denke ich, dass es für mich getrennte Kerne  gibt,  da  ich  die  Themen  und  Probleme  des Lebens ich nicht immer mit Personen aus meiner Branche austauschen will, da gibt es Standpunkte von Menschen die ich mir gerne anhöre, was Abseits der Musik stattfindet.

Mein härtester Kern ist Sixcube, Sinan von Beat Unit, weil  mein  erstes  Projekt,  die  Veröffentlichung  von Dope-est-Dope  war  der  Schritt  als  Künstler aufzutreten. Eine Erfahrung und Meilenstein der natürlich noch mehr zusammenschweißt.

Was die Kommunikation zur Musik betrifft und wie ich diese austausche ist denke ich auch nochmal eine andere Thematik. Social Media hat die Macht für unmittelbares Feedback, wie man das genau nutzt und bewertet, ist subjektiv. Der direkte Austausch mit ausgewählten   Personen   ist   ein   Prozess,   welcher sowieso  erfolgt,  jedoch  trenne ich die Kerne in die verschiedenen Bereiche.

  1. Hat Rente einen Rhythmus, ’ne Hook und ein Clap? Zukunftsvorstellung?

What? Ob man in der Rente noch Beats producen wird?

(schmunzel..ja, genau.)

Definitiv werde ich weiterhin meiner Kunst nachgehen, Tracks veröffentlichen, doch es gibt keine wirklichen Einzahlungen in die Rente oder offiziellen Betrag den ich bezahle, ein sehr unangenehmes Thema für viele Producer in der Branche. Ein Dialog wird oft nicht geführt. Meine Zukunftsvorstellung sehe ich in der Aufteilung in Studioarbeit und ein Teil der Livebranche zu werden.

  1. Wie stehst du zu einer Zusammenarbeit mit einem Management, Label oder einem Head der großen Industrie?

An erster Stelle Blicke ich auf solche Kooperationen skeptisch, aber mit einem offenen Ohr für alles und jeden. Die Rolle des Ansprechpartners und Interaktion mit diesem ist für mich sehr entscheidend, wenn es lediglich um Profitmaximierung geht bin ich schon nicht begeistert. Wenn der Profit auf  Basis  einer  gemeinsamen  Ideologie  stattfindet  und  der  Faktor Vertrauen vorhanden ist, bin ich bereit gemeinsam zu arbeiten. Ein independent Künstler zu sein und dabei die Vervielfältigungsrechte abzugeben, welches Einnahmen erzielt im gemeinschaftlichem Sinne ist absolut umsetzbar, doch die kreative Vision abzugeben hat für mich keinen Preis. Ein dauerhafter Underground-Künstler zu sein ist kein Status den ich unbedingt präferiere und halten möchte. Für den langfristigen Ausblick ist eine Kollaboration mit festen Partnern immer fördernder als mit vielen verschiedenen Kreisen immer wieder neu anzufangen, weil Wachstum in einem  Prozess  entsteht  oft,  wenn  du  mit  denselben  Personen immer wieder arbeitest und es dann heftiger wird.

  1. Wie sehen deine Inspirationen aus? Lässt du auch visuelle Inspirationen in deine Musik einfließen?

Hier nenne ich mal verschiedene Aspekte:

Tanz versprüht eine Energie, die auch das visuelle Medium der Musik darstellt und die Energie widerspiegelt. Zeitreisen d. h. die Erkenntnis in der Musik in welcher Lebensphase sich der Künstler zu dem Zeitpunkt befand. Livebilder bzw. das Bild eines Konzertes, die Entstehung von Musik vor der Kamera oder die Entstehung von Musik während eines Konzertes. Geschichtliche Dokumentationen.Grundlegend: Livebilder die den kreativen Prozess zeigen oder die Reaktion darauf.

  1. Wie gehst du mit Thema Musikrechte um? Sowohl für dich selbst als auch bei anderen Werken?

Eine untransparente Thematik, denn es wird wenig darüber gesprochen, also  ist es unerfreulich. Es gibt hier zu wenig bis keine Quellen zum Recherchieren, so entstehen von meiner Seite aus viele ungeklärte Fragen. Konfrontationen  entstanden  für mich persönlich mehr über mein Logo (Markenrecht), weil dieses oft verwendet wurde. Hier bietet die Beat Unit eine Plattform auf die Künstler zurückgreifen können. Hier greife ich auch auf meinen von eben erwähnten harten Kern zu und tausche mich da auch viel aus.

  1. Outro: Was bedeutet für dich Beat Unit? Welche Chancen siehst du für dich, als Teil dieser Community?

Als Part der Beat Unit Family fühle ich mich aufgehoben, aufgehoben auf einer Plattform die mir ein Wissenspool bietet (siehe Thema Musikrechte) und  außerdem  Fortschritt/Veränderung  im  Sinne  von  Anerkennung  was Künstler wie mich betrifft. Die Möglichkeit eine Anlaufstelle zu haben gerade für jüngere Generationen die auch producen wollen, die selbstständig sein wollen  und  die  sich  probieren  wollen.  Wenn ich mit 14 – 15 Jahren die Chance gehabt hätte eine Plattform wie diese zu nutzen, wäre mein Werdegang wahrscheinlich anders abgelaufen, auch wenn jede Erfahrung wertvoll ist. Doch finde ich es interessant die Kids zu sehen mit denen ich mich austausche, die halb so alt sind wie ich.

Eine Gemeinschaft aus kreativen Artists die sehr viel erreichen möchten.

Viele Dank das du dir Zeit genommen hast und das du uns deinen „Preis“ der Selbstständigkeit uns erläutert hast, deine Perspektive und Meinungen waren auf jeden Fall interessant und aufschlussreich.

Wir sehen uns bald, stay healthy.

 

 

Interview by Bora

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