ROOQ – Der PREIS DER SELBSTSTÄNDIGKEIT

Lieber Rooq, 

 

Deine Karriere ist sehr vielschichtig: von Kodak Black zu Raf Camora, Kool Savas, Xavier Naidoo, Olexesh bis zur Vertonung des Telekom Werbespots. Mit deinem Verlangen, die nächste Generation mit Wissen auszustatten, konntest du schon vielen Beat Unit Membern auf die Sprünge helfen. 

Im Rahmen der Interviewreihe “der Preis der Selbstständigkeit” als Artist/Producer danken wir dir, dass du uns tiefere Einblicke in deine Philosophie geben kannst. 

Die neue Generation an Produzenten ist kaum noch an deutschen Artists interessiert, sondern senden ihre Produktionen lieber per Mail durch die ganze Welt – hauptsächlich aber an den amerikanischen Markt. Woher kommt deiner Meinung nach dieser Wandel bei der neuen Generation? Gib gerne einen Tipp, um mit dieser Methode langfristig erfolgreich zu sein. 

Mein persönlicher Eindruck ist, dass durch die immer weiter fortschreitende Vernetzung der amerikanische Markt in immer greifbarere Nähe gerückt ist. In dem Moment, in dem ein Produzent bemerkt, dass der Aufwand beim Versuch der Kontaktaufnahme mit einem deutschen Artist der gleiche ist wie bei einem amerikanischen Artist, ist es eine ganz logische Entscheidung, den amerikanischen Markt zu präferieren. Warum sollte man sich mit dem (im Vergleich) beschränkten deutschsprachigen Markt zufrieden geben, wenn das Potential des internationalen Marktes so viel größer ist? 

Dazu kommt natürlich auch noch, dass das Ansehen ein ganz anderes ist und es mittlerweile einige deutschsprachige Produzenten gibt, die in den Vereinigten Staaten absolut Fuß fassen konnten. 

Mein Tipp, um einen Fuß in die Tür des amerikanischen Marktes zu bekommen, ist der der ungewöhnlichen Wege. Alle wollen immer direkt an den Artist herantreten. Mailadressen für Beats sind nach Minuten schon wieder unnütz, weil zu viele Leute Beats geschickt haben, Inboxen auf allen Social Media Seiten platzen aus allen Nähten. Statt diese direkten, aber total überfüllten Wege zu nutzen, kann man Schleichwege nutzen, die vielleicht nicht direkt zum Artist führen aber dafür weitaus weniger überfüllt sind. Sucht die Kanäle der Leute, die sich im Umfeld des Artists tummeln: Manager, A&Rs, Music Supervisor, aber eben auch Tour-Djs oder einfach nur Entourage. Allerdings sollte man dabei vorsichtig vorgehen, niemanden nerven und im Idealfall nicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern sich erstmal nur als Ziel setzen, mit diesen Personen ins Gespräch zu kommen.

Als ich noch versucht habe, auf Teufel komm raus mit etwaigen Leuten aus dem Umfeld des Artists in Kontakt zu kommen, habe ich mir angeschaut, ob die Artists irgendwelche Websites haben, die NICHT über ihre Labels laufen. Dann habe ich mit einer “Who Is” Suchmaschine nach diesen Domains gesucht und konnte da sehen, wer diese Domains registriert hat und bin so im Idealfall an die Mailadresse einer Person gekommen, die sich im direkten Umfeld des Artists aufhält. Ganz wichtig dabei ist allerdings, dass man ein Gespür 

dafür haben muss, ob man eine Person nervt, die gar nichts mit dem Bereich zu tun haben möchte, oder ob man  für diese Person vielleicht eine willkommene Abwechslung zu deren “normalen” Job ist.

 

Du bekommst nicht das, was du verdienst, sondern das, was du verhandelst. Was ist deiner Meinung nach der größte Preis, den man als selbstständiger Unternehmer in Kauf nehmen muss, um in der Musikbranche dauerhaft Fuß fassen zu können? 

Der größte Preis den man in Kauf nehmen muss ist definitiv die investierte Lebenszeit. Wenn dir das drumherum, das organisieren, das verhandeln, das kommunizieren keinen Spaß macht dann mach bitte entweder etwas anderes oder stell dir jemanden ein, beteilige jemanden der diese Arbeiten für dich übernimmt. Fakt ist, das dieser Teil des Selbständig seins den absoluten Großteil der Arbeit ausmacht. Wenn du daran keinen Spaß hast dann ist das sehr verständlich, aber es geht nicht ohne. Ziehst du es dann dennoch durch, alleine, ohne Hilfe, immer mit einem Auge auf dem leeren Sequencerfenster deiner DAW weil du dich um Papierkram kümmern musst, ist das verschwendete Lebenszeit und nichts ist schlimmer als das. Du musst genießen was du tust.

Als selbstständiger Producer generierst du verschiedene Einkommensströme, wovon du beim Start deiner Karriere nicht im Ansatz geträumt hast. Passives Einkommen ist eine Einnahmequelle und hilft dir, auch in schwereren Zeiten über die Runde zu bekommen. Wann & Wie hast du zum ersten Mal von Masterrights/Lizensen/Royalties  erfahren? 

Ich glaube das war eine sehr natürliche Entwicklung bei mir. Ich hatte damals relativ schnell meinen ersten Verlagsdeal bei dem ich auch einen kleinen Vorschuss bekommen hab. Während der Vertragsverhandlungen musste ich mich intensiv mit dem Vertrag auseinandersetzen und über die Begrifflichkeiten informieren weil die Verhandlungen damals noch nicht über meinen Anwalt liefen. 

Letztendlich hab auch ich damals aus irgendeinem idiotischen Grund geglaubt das da jemand ist der mir Geld hinterher wirft. Das ist immer noch ein weitverbreiteter Irrtum wie ich des öfteren feststellen muss: Das Geld das du bekommst erscheint nicht magisch von irgendwo und wird sobald du es aufgebraucht hat nicht wieder magisch erneuert. Das Geld was dir bei einem Verlagsdeal zum Beispiel als Vorschuss angeboten wird ist Geld was DU in Zukunft abarbeiten musst. Man könnte auch sagen es ist ein Kredit mit 0% Zinsen, wobei das auch nicht so ganz stimmt. Da der Verlag von Anfang an 30-40% deiner GEMA Einnahmen bekommt musst du auch diese 30-40% mehr einspielen um wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen. Also ist es im Endeffekt einfach nur ein Kredit. Um zu wissen was man da genau unterschreibt empfiehlt sich unbedingt einen Medienrechtsanwalt hinzuzuziehen der einem bei jeglichen Vertragsverhandlungen zur Seite steht. 

Das klingt jetzt alles recht negativ, so ist es aber gar nicht gemeint. Wie du in der Frage schon hervorgehoben hast sorgt dieses passive Einkommen dafür das man im besten Fall eine kontinuierliche Einnahmequelle hat die man immer weiter aufstocken kann. Die beste Sichtweise auf das Verlagswesen war für mich immer das 60-70% von Etwas viel besser ist als 100% von Nichts.

Derzeit bist du dabei als “Bobby Dreamz BIG” großartige Musik als Artist zu veröffentlichen – Woher kommt dieser Impuls und wie können wir dich dabei unterstützen ? 

Danke für das Kompliment! Eigentlich kamen da mehrere Impulse zusammen: Zum einen höre ich schon seit 1996 HipHop und Rap. Da die Instrumentalgeschichten, die ich unter Bobby Dreamz BIG produziere, so wie der gesamte Chillhop/LoFi Bereich ihren Ursprung im Oldschool Rap haben, wirkt es auf mich sehr natürlich, diese Art von Musik zu machen. Zum anderen ist da der riesige Anreiz, unabhängig von Rappern Musik veröffentlichen zu können und damit auch noch gutes Geld zu verdienen, wenn man die Möglichkeit hat, mit einigen Produktionen in den Editorial Playlists von Spotify zum Beispiel zu landen. Ich muss allerdings auch dazusagen, dass ich mich ein komplettes Jahr lang darauf vorbereitet habe, diesen Schritt zu gehen und ich mich intensiv mit der Musik und dem Drumherum beschäftigt habe. Der Respekt vor der Musik steht für mich an allererster Stelle, alles andere folgt danach. Es ist aber schon ein Traum muss ich gestehen: Zu wissen, dass ein Beat den ich produziert habe dank einer Spotify Playlist jetzt von Japan bis in die USA gehört wird, ist verrückt schön. 

Dabei unterstützen könnt Ihr mich so, wie Ihr es bereits tut: Durch Engagement, das natürlich wie in allen anderen digitalen Bereichen super wichtig ist! Ich würde mir gerne eine kleine aber beständige Fanbase um Bobby Dreamz BIG aufbauen, so dass ich nicht nur ausschließlich von Spotify abhängig bin. Ob das klappt wird man sehen, aber einen Versuch ist es wert, denke ich.

Freebeats – ein Thema, dass viele ungelöste Problematiken mit sich bringt – bei tiefgründigeren Fragen verstummen die Produzent/innen und wissen nicht, was das Wort “free” impliziert. Im Umkehrschluss ist den Konsumenten die Bedeutung noch weniger bekannt und gehen davon aus, dass das Instrumental kostenlos zur Verfügung steht.

Auch hier sollte die Unterscheidung getroffen werden, ob Beatmaker ihre Kunst “free for profit use”, “unlimited Lease”anbieten, oder unwissende Konsumenten in ihre Mails locken und von dort den einst als “Freebeat” betitelten Track als ein Leasing mit verschiedenen Preismodellen anbieten. Wie stehst du zu diesem Thema? Würdest du jungen Beatmakern zu dieser Methode raten oder nicht ? 

Es ist wie der Turmbau zu Babel finde ich. Ich habe das Gefühl, dass ein absolutes Begriffschaos vorherrscht, wenn es um dieses Thema geht. Im Idealfall sollte das Wort “free” komplett verbannt werden. Vollkommen egal ob das “free” nur darauf verweist, dass man den Beat for “free” runterladen kann oder darauf, dass man ihn for “free” privat benutzen darf. “Free” schadet. So oder so. Baust du dein Business darauf auf, dass du etwas verschenkst, ziehst du Kunden an, die etwas geschenkt haben wollen. Warum sollten die bei dir bleiben wenn du dein Modell änderst? Auf der anderen Seite führst du Kunden in die Irre, was zusätzlich zu belasteten Verkäufer-/Kundenbeziehungen führen kann. Natürlich gibt es Produzenten, bei denen das funktioniert hat – natürlich kannst du damit kurzfristig gesehen vielleicht mehr Klicks bekommen; langfristig gesehen wird dich das aber nicht weiterbringen. Meiner Meinung nach sollte man mehr Wert auf die Qualität eines Kontaktes legen als auf die Quantität. Mach dir durch Zuverlässigkeit und die Qualität deiner Beats einen Namen. Klar, das dauert länger. Klar, man fängt man ganz unten an und nein, höchstwahrscheinlich hört kein Meek Mill deinen Beat auf Youtube und dein Leben ändert sich komplett von jetzt auf gleich, dafür baust du dir deinen Ruf auf und der bleibt dir erhalten. Im positiven wie im negativen Sinne.

Als Produzent/in bist du öfters in der Situation mit Labels, Management, Rappern & Sängern zu sprechen. Verhandelst du für dich selber & wenn – was war deine bisher schönste und schwierigste Situation in der du dich als Exekutive Produzent wieder gefunden hast? 

Ich sage das jetzt ganz ehrlich: Die schönste Situation war für mich eine, in der die jahrelange Arbeit mit einem Künstler sich endlich bezahlt gemacht hat und ich realisiert habe, dass ich es als Produzent und als Manager (natürlich mit unglaublich viel Hilfe von anderen Menschen im Team, ohne die das nicht im Ansatz möglich gewesen wäre) geschafft habe, den Künstler seinen, und mich meinen Träumen näher zu bringen. Die schwierigste Situation war für mich die, in der derselbe Künstler kurz danach mit den Worten “das bringt mich momentan einfach weiter” zu einem anderen Manager gewechselt hat.

Ich erzähle das nicht, weil ich auf der Situation oder dem Künstler rumhacken möchte, sondern weil das die beiden lehrreichsten Erfahrungen in meiner beruflichen Laufbahn waren. 4 Life bedeutet in dem Business niemals 4 Life. Nie. 4 Life bedeutet immer nur “so lange, bis sich etwas besseres ergibt”. Auch bei mir im Übrigen. Die Lehre, die ich daraus gezogen habe, ist etwas immer nur als das darzustellen was es ist. Egal wie gut ihr mit irgendwem befreundet seid: Derjenige hat genauso seine eigene Agenda wie ihr Eure. Daran ist überhaupt nichts verwerfliches, aber ich persönlich habe für mich festgestellt, dass ich besser damit fahre, wenn ich meine Agenda von Anfang an offen dar lege. Gleichzeitig versetze ich mich bei allen Verhandlungen und Gesprächen auch in die Position meines Gegenübers, um zu schauen, ob sich unsere Agenden irgendwo überschneiden. Das sind die Punkte, an denen man unbedingt ansetzen sollte. Mit offenen Karten spielen und sich vor allem für die Position des Gegenübers interessieren ist essentiell für mich.

Abschließend noch eine letzte Frage. Würdest du Producern empfehlen, dem ersten Produzentenverein “BEAT UNIT” beizutreten & wo siehst du in Zukunft die Stärken dieser Community? 

Definitiv JA. Ich knüpfe hier direkt an meine Antwort zur vorherigen Frage an: Wenn du durch die Beatunit beispielsweise erfährst, dass die GEMA sich in Zukunft an einem Musikvertrieb beteiligen wird und du über die Hintergründe und Folgen auf dem Laufenden gehalten wirst, dann wirst du dieses Thema in dem Moment aufgreifen, in dem du mit einem Kontakt bei deinem eigenen Vertrieb sprichst oder schreibst, und den Kontakt so intensivieren können. Du zeigst dadurch Interesse an seiner Position, Interesse an seinem Job und schaffst viel bessere gemeinsame Nenner. Grundvoraussetzung dafür ist natürlich, dass dich das wirklich alles interessiert. Interesse wiederum kommt durch Beschäftigung mit dem Thema.

Abgesehen davon bietet die Beatunit einen bisher nie dagewesenen Schulterschluss zwischen Produzenten aus allen Richtungen. Ich glaube das kann man nicht deutlich genug betonen, denn durch die Beatunit werden sehr viele einzelne, leise Stimmen zu einer einzigen lauten. Kein Zusammenschluss von Produzenten ist näher dran eine Gewerkschaft für die Produzenten zu sein als die Beatunit. Alle Produzenten sollten sich in der Beatunit anmelden, damit Dinge wie ein Minimalpreis von 250 € für ein Exklusive die Chance haben, sich durchzusetzen. Wir haben alle eigene Agenden, aber die Beatunit ist UNSER größter gemeinsamer Nenner.

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